"Eigentlich wollte ich Journalistin werden."

von Wiebke Reuter

Eigentlich wollte ich immer Journalistin werden. Bei der Studienberatung in der Schule wurde mir dann gesagt, dass man aber nicht direkt Journalistik studieren, sondern sich lieber in einem anderen Bereich spezialisieren sollte, um dann später in den Journalismus zu wechseln. Ich habe mir dann mal eine Juravorlesung angehört und gedacht, dass das was für mich sein könnte. Da ich sowieso schon immer nach Hamburg wollte, habe ich mich dort beworben und glücklicherweise wurde ich auch direkt genommen. Ich habe mich im Voraus nicht über den Studiengang  informiert, hatte keine Ahnung, was mich erwartet oder was für Fächer ich haben würde. Die Orientierungswoche hat mir dann schon mal einen ersten Eindruck darüber gegeben, was in den Vorlesungen auf mich zukommt, und ich war plötzlich gar nicht mehr sicher, ob ich mich richtig entschieden habe. Unser Tutor hat uns erzählt, dass wir ziemlich viele Scheine brauchen, um das Grundstudium zu schaffen, dass die Durchfallquoten bei den Klausuren teilweise über 50% liegen und dass es sehr schwierig ist, bei den Noten überhaupt in den zweistelligen Bereich zu kommen.

Die Zivilrechtsvorlesung hat mich dann wieder hoffen lassen: Die Fälle waren alltagsbezogen, nachvollziehbar und es hat Spaß gemacht, zu lernen, wie bekannte Probleme aus dem Leben juristisch gelöst werden. Entmutigt haben mich aber die Vorlesungen im Straf- und Öffentlichem Recht. Ich dachte immer, Strafrecht wäre am interessantesten, weil es da um spannende Fälle geht, die man aus dem Fernsehen kennt. Aber erstmal kamen nur sehr viel Theorie und viele neue Begriffe, oft wurde auf unbekannte Sachen vorgegriffen und vieles war sehr abstrakt.. Staatsrecht hat mich fast an meinen Wipo-Unterricht aus der Schule erinnert. Es ging um den Bundestag, -rat, die -regierung und wie die einzelnen Abläufe zusammenhängen. Es hat sich auch schnell gezeigt, dass die Qualität einer Vorlesung unabhängig vom Inhalt ganz stark vom Professor abhängt. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich je eine Klausur schreiben sollte. Aber zum Glück gibt es begleitende AGs. Die Arbeitsgemeinschaften sind wirklich sehr hilfreich. Dadurch wird vieles aus der Vorlesung erst richtig verständlich und man lernt, wie man Probleme in einer Klausur richtig bearbeitet. Und auch wenn man das in der ersten Zeit von jedem hört und es einen sehr schnell nervt, aber es hilft ungemein, von Anfang an, die Vorlesungen nachzuarbeiten und mit Fallbüchern zu lernen. Denn das ist, worum es sich in einer Klausur dreht.

Jura ist nicht kreativ. Was oft mit „trocken“ beschrieben wird, meint wohl, dass es bei Jura feste Schemata gibt, die abgearbeitet werden, dass die Klausuren im Gutachtenstil geschrieben werden müssen und man nicht anfangen soll, möglichst schön wie bei einem Aufsatz zu formulieren. Es werden zwar keine Paragraphen auswendig gelernt, aber man muss sich mit dem Gesetzestext und Urteilen beschäftigen, auch wenn diese nicht immer einfach geschrieben sind. Jura ist nicht unbedingt schwer, aber umfangreich. Man muss gut lernen können, denn es geht auch viel ums Verstehen, aber jede Regel bringt ihre Ausnahme mit sich, die man einfach kennen muss.

Nach zwei Semestern, sieben Klausuren und einer Hausarbeit bin ich mir sicher, dass ich mich richtig entschieden habe. Zwar sitze ich zur Lernzeit sechs Stunden oder mehr in der Bibliothek, aber teilweise entwickele ich einen richtigen Ehrgeiz, einen Fall zu lösen. Dann hat man Glücksmomente, weil man mithilfe des Gelernten ein Problem erkennt und eine Lösung findet. Jura ist ein Fleißfach und man kann den nötigen Lernaufwand nur erbringen, wenn man Spaß und Interesse daran hat, feste Aufbauschemata zu lernen und diesen zu folgen. Aber wenn man das macht, zahlt sich die Arbeit auch aus.