„Love, Law and Identity" – International Law Plus 2026 an der Universität Hamburg
29. September 2026
Mit dem Abschluss der Hamburger Programmwochen (14.–25. September 2026) hat das diesjährige International Law Plus (IL+) Programm seinen Höhepunkt erreicht. Unter dem Titel „Love, Law and Identity" haben die Rechtswissenschaftliche Fakultäten der Universität Hamburg, der Universidad de Chile und der Universidade de São Paulo gemeinsam ein internationales Seminar durchgeführt, das Familienrecht, Geschlechtsidentität und Rechtsvergleichung ins Zentrum gestellt hat.
Drei Phasen, zwei Kontinente
Das Programm startete im April 2026 mit Präsenzphasen an den Partnerhochschulen – eine Gruppe Hamburger Studierender reiste nach Santiago de Chile, eine andere nach São Paulo. Beide Gruppen lernten das Seminarthema von Beginn an im Kontext lateinamerikanischer Rechtsordnungen und Gesellschaften kennen.
In der anschließenden viermonatigen Online-Phase arbeiteten die Studierenden aus Hamburg, Chile und Brasilien in internationalen Teams zusammen und verfassten gemeinsame Seminararbeiten zu familienrechtlichen Fragestellungen im Rechtsvergleich.
Wissenschaftliche Beiträge: Familienrecht zwischen Kultur, Geschichte und Gegenwart
Das Seminarthema „Love, Law and Identity“ zog sich als roter Faden durch das Hamburger Programm: Welche Rolle spielen kulturelle und historische Kontexte für die Entwicklung des Familienrechts – und wie antworten verschiedene Rechtsordnungen auf aktuelle Lebensrealitäten von Familien und Geschlechtsidentitäten?
In den zwei Wochen an der Universität Hamburg sprach Henrike von Scheliha (Bucerius Law School) zu reproduktiver Freiheit und Gerechtigkeit, Saskia Lettmaier (Uni Hamburg) zur Geschichte des Scheidungsrechts im 18. Jahrhundert, Anika Börjesson zur Arbeit von Frauenhäusern in Hamburg, Miria Lottmann (Polizei Hamburg) zu Hasskriminalität gegen LGBTI*, und Alexander Seiler und Mia Ewert (BWFG) zu Hamburgs Diversitätspolitik im Rahmen des Rainbow Cities Network. Florian Vogelsang (Hanseatisches Oberlandesgericht) ermöglichte der Gruppe eine spannende Führung durch das OLG-Gebäude und eine angeregte wissenschaftliche Diskussion zu familienrechtlichen Fragestellungen in der richterlichen Praxis. Luciana Paiotti (Richterin in Brasilien und Mitglied des Coletivo Sankofa de Magistradas, einem Zusammenschluss von Richterinnen in Brasilien, der sich für Diversität und Gleichstellung in der Justiz einsetzt) und Teresa Cristina Cabral Santana (Universidade de São Paulo) erweiterten die Perspektive mit einem Beitrag zu häuslicher Gewalt gegen Frauen aus brasilianischer Sicht. Julia Richter (Bucerius Law School) bereitete die Studierenden in einer eigenen Einheit auf ihre mündlichen Präsentationen vor.
Einen besonderen Akzent setzte der Tag am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht am 22.9.2026. Neben einer Bibliotheksführung durch Elke Halsen-Raffel (MPI) bot er Raum für wissenschaftliche Beiträge, die das Thema des Seminars vertieften: Susanna Roßbach (MPI) sprach zu „Queering Motherhood", Christopher Reibetanz (MPI) zu nichtehelichen Lebensgemeinschaften im grenzüberschreitenden Kontext, und Luana Matoso (MPI) stellte das Centre of Expertise on Latin America vor. Begleitet wurde die Gruppe an diesem Tag von María Teresa Infante (Universidad de Chile, Richterin am ITLOS), die dem Programm seit Jahren verbunden ist und das Gespräch mit Studierenden aus allen drei Ländern suchte.
Im Anschluss an den KZ-Gedenkstättenbesuch in Neuengamme gestalteten Ansgar Karnatz und Jona Diwiak eine Reflexions- und Inputeinheit zur Verfolgung queerer Menschen im Nationalsozialismus und setzten damit das Erlebte in einen wissenschaftlichen Zusammenhang.
Studierendenpräsentationen: Rechtsvergleich in der Praxis
Den wissenschaftlichen Kern der Hamburger Wochen bildeten zwölf mündliche Abschlusspräsentationen, in denen die internationalen Teams ihre Research Papers vorstellten und diskutierten. Die Themen reichten von Unterhalts- und Scheidungsfragen mit grenzüberschreitender Dimension über den Schutz von Opfern häuslicher Gewalt in verschiedenen Familienkonstellationen bis hin zu Fragen rund um gleichgeschlechtliche Elternschaft, Mehrfachelternschaft und die Anerkennung von Regenbogenfamilien im internationalen Privatrecht. Mehrere Teams untersuchten, wie unterschiedlich Deutschland, Chile und Brasilien auf Lebensrealitäten jenseits des traditionellen Familienbildes reagieren – und wo die Grenzen gesetzlicher Schutzregime verlaufen. Die Präsentationen unterstrichen, wie produktiv der wissenschaftliche Austausch zwischen drei Rechtssystemen und drei Universitätskulturen sein kann.
Begegnung als Programm
International Law Plus ist jedoch weit mehr als ein rein akademisches Programm. Die Kanufahrt mit dem Hochschulsport Hamburg auf der Alster zum Auftakt, die Hafenrundfahrt mit der HVV-Fähre, ein Spaziergang durch Planten un Blomen und der Besuch auf dem Grünen Bunker auf dem Heiligengeistfeld, der Gedenkstättenbesuch in Neuengamme und schließlich das Abschiedsessen im Beach Club Dock 3.
In den zwei Wochen wurden Studierende aus drei Ländern und drei Rechtssystemen zu einer Gruppe und das Universitätsseminar zu einer intensiven internationalen Austauscherfahrung. Das Programm ermöglichte Blicke über den juristischen Tellerrand, schuf Verständnis für unterschiedliche gesellschaftliche und persönliche Lebensrealitäten und vermittelte den Jurist*innen von morgen, was kein Lehrbuch beibringen kann: Empathie als juristische Grundkompetenz.
Akademische Leitung und Organisation
Das diesjährige Programm leiteten Konrad Duden (Universität Hamburg), Rodrigo Contreras (Universidad de Chile) und Sheila C. Neder Cerezetti (Universidade de São Paulo). Andrea Hearst und Stine von Förster vom International Office der Fakultät für Rechtswissenschaft haben das IL+ 2026 Programm von der Einwerbung der Fördermittel über die gesamte Vorbereitungsphase bis hin zur Begleitung vor Ort wesentlich mitgetragen.
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